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Wie CEMEX seine Emissionen in Rüdersdorf senken will

Published On: 29. September 2026Tags: , , , , ,

Rüdersdorf. Das CEMEX-Zementwerk in Rüdersdorf gehört zu den energieintensiven Produktionsstandorten in Brandenburg. Die hohen CO₂-Emissionen in der Zementproduktion will das Unternehmen schrittweise reduzieren.

Von Matthias Salm

Rüdersdorf galt einst als einer der am stärksten mit Staub belasteten Orte der DDR. Schon 1884 bauten hier Guthmann & Jeserich mit sechs Schachtöfen das erste Zementwerk. Es folgten die Werke zwei, drei und vier. Der Grund: Dass der Kalkstein so nah an der Erdoberfläche abgebaut werden konnte, ist selten in Norddeutschland. So wuchs das Zementwerk vor den Toren Berlins zum größten Baustoffproduzenten in der DDR heran. „Berlin ist in die Höhe gewachsen, Rüdersdorf in die Tiefe“, so lautet ein gängiges Bonmot der Zementwerker. 

Wenn man heute vom Dach der Produktionsgebäude in Rüdersdorf in die Ferne schaut, fällt der markante Tagebau sofort ins Auge. Auf einer Länge von vier Kilometern hat er sich über die Jahrzehnte nah an den Rüdersdorfer Ortskern herangefressen. Nicht mehr sichtbar ist hingegen die einstige Umweltbelastung, Der Grauschleier ist längst verschwunden. Nach 1990 wurde der Standort zunächst von der Readymix AG umfassend modernisiert. Für die CEMEX Deutschland AG, den heutigen Betreiber des verbliebenen Werks, rückt dennoch die Reduzierung der Emissionen in den unternehmerischen Fokus der kommenden Jahre. 

Pilotprojekt der Dekarbonisierung

CO2LLECT nennen die Rüdersdorfer ihr großangelegtes Transformationsvorhaben zur Dekarbonisierung, Es ist das Größte seiner Art in Ostdeutschland. Verantwortlich dafür zeichnet der mexikanische CEMEX-Konzern, einer der zehn größten Zementhersteller der Welt. Das Unternehmen beschäftigt etwa 1.200 Menschen in Deutschland, davon rund 490 in Rüdersdorf. Das Zementwerk ist eine feste Größe der regionalen Wirtschaft. Rund 250 Dienstleister und Zulieferer verdienen ihr Geld mit dem Zementwerk. 72 Prozent der Beschäftigten stammen unmittelbar aus Ostbrandenburg.

Deutschlandweit betreibt der Konzern u.a. sechs Steinbrüche, 14 Kieswerke, 48 Betonstandorte sowie zwei Produktionsstandorte für Baustoffe in Rüdersdorf und Eisenhüttenstadt. Produziert und vertrieben werden 13 Zementsorten, Transportbeton, mineralische Rohstoffe sowie ergänzende Baustoffe vornehmlich in Berlin, Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. 

Anfang der 2010er Jahre gab CEMEX seine westdeutschen Standorte auf. Seither liegt der Schwerpunkt des Unternehmens in Ostdeutschland und seinen Nachbarländern. „Unser Fußabdruck liegt vor allem im Osten“, betont Alexandra Decker, Vorständin Corporate Affairs bei der CEMEX Deutschland AG, eine hohe Identifikation des Unternehmens mit seinen ostdeutschen Standorten. 

Das ändert allerdings nichts daran, dass das Rüdersdorfer Werk wie die gesamte Zementindustrie in den letzten Jahren mehrfach unter Druck geraten ist. Klimaschützer attackierten die Branche wegen der hohen Emissionen, Befürworter alternativer Baustoffe wie Holz erklärten den Einsatz von Beton für überholt. In Rüdersdorf sind sie aber überzeugt: Die Nachfrage nach Zement und Beton wird in naher Zukunft eher noch steigen. 

„Beton ist ein Schlüsselprodukt für die Transformation der Infrastruktur“, sagt Alexandra Decker. Vom Fundament für Windkraftanlagen über den dringend benötigten Wohnungsbau, die Sanierung maroder Brücken, den Ausbau der Bahnstrecken oder die Wiederinbetriebnahme ehemaliger Bundeswehrstandorte – allesamt aktuelle Vorhaben,  die ohne die Baustoffe aus Rüdersdorf nicht denkbar sind.

Zementproduktion ist schadstoffintensiv

Doch die Zementproduktion bleibt energie- und schadstoffintensiv. Die Emissionen entstehen sowohl bei der Energiezufuhr durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe, als auch beim Herstellungsprozess selbst. Denn im Kalkstein sind 45 Prozent CO₂ enthalten, das bei Temperaturen von rund 900 Grad im Ofen freigesetzt wird. Der Beton selbst ist ein Gemisch aus Zement, einer Gesteinskörnung wie Kies oder Sand und Wasser. Der Zement dient dabei als Bindemittel. Er härtet durch eine chemische Reaktion mit dem Wasser aus und verfestigt die Gesteinskörnung. 

Das Zementwerk in Rüdersdorf hat sich schon vor Jahren auf den Weg gemacht, die CO2-Belastung zu reduzieren. „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht“, erklärt Alexandra Decker selbstbewußt. Begonnen hat dieser Prozess 1995 mit dem Bau einer neuen Ofenlinie. Mittlerweile werden in Rüdersdorf zu vier Fünftel alternative Brennstoffe eingesetzt. Zudem wurde der Energieverbrauch durch Maßnahmen zur Energieeffizienz wie etwa der Abwärmeverstromung reduziert.

Ein weiterer Schritt zu mehr Umweltverträglichkeit ist die Reduzierung des Anteils des so genannten Zementklinkers im Beton durch Alternativen wie Hüttensand und Flugasche. Diese Alternativen sind aber bisher nicht in ausreichenden Maße verfügbar. Auf den Kalkstein können die Zementwerker daher nicht  verzichten. 

Vom Basisjahr 1990 bis zum Jahr 2020 konnte der CO2-Wert dennoch von über 1.000 Kilogramm je Tonne Zement auf 500 halbiert werden. Aktuell sind es nur noch 370 Kilogramm, ein Top-Wert innerhalb des CEMEX-Konzerns und der deutschen Zementindustrie. Ziel ist es, die 300 Kilogramm zu unterschreiten. Die restlichen CO2-Emissionen gelten aber als unvermeidlich.

Deshalb setzt CEMEX seine Hoffnungen nun auf die CO2-Abscheidetechnologie. Dabei wird das CO2 aus dem Abgasstrom herausgelöst. Eine Alternative zur Abscheidung wäre die Carbon Capture und Utilization (CCU)-Technologie, bei der die Emissionen für andere Produkte wie E-Fuels verwendet werden können. Doch dafür, so der Tenor in der Zementindustrie, fehlen die regulatorischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.  CEMEX selbst hat sich deshalb aus einem Projekt zur E-Fuels-Produktion mittlerweile verabschiedet.

Stattdessen soll künftig im Projekt CO2LLECT das CO₂ aus der Zementproduktion in Rüdersdorf abgeschieden und für den späteren Transport und die Speicherung aufbereitet werden. So wollen die Rüdersdorfer ihren Part zur Dekarbonisierung der deutschen Industrie bis 2045 leisten. CO2LLECT fungiert innerhalb des weltweiten CEMEX-Konzerns als Pilotprojekt, um die Frage zu klären, ob die CO₂-neutrale Zementproduktion finanzierbar und praktikabel ist. „Wir sind ein Ausnahmewerk innerhalb der deutschen Zementindustrie und innerhalb des CEMEX-Konzerns“, betont Stefan Schmorleiz, der Geschäftsführer der CEMEX Zement GmbH und Werksleiter in Rüdersdorf. CO2LLECT genießt dabei europäische Unterstützung. Das Projekt wird durch den EU Innovation Fund gefördert. Über fünf Jahre werden dafür 157 Millionen Euro aus Brüsseler Töpfen fließen.

Die CO2-Abscheideanlage wird vom Anlagenbauer Linde erstellt Bei der CO₂-Abscheidungstechnologie (Linde HISORP® CC) handelt es sich um ein adsorptiv-kryogenes Abscheidungsverfahren. Das Abgas wird direkt an der Emissionsquelle abgegriffen und mittels Druck- und Temperaturanpassungen sowie Adsorptionsmittel behandelt, bis letztlich flüssiges CO₂ isoliert werden kann. 

Transport per Bahn zur Küste

Auf diese Weise sollen 1,3 Millionen Tonnen CO2 in Rüdersdorf im Jahr separiert werden. Anschließend wird das flüssige CO2 per Bahn zur Küste transportiert, dort offshore gelagert und dann in die Nordsee verschifft. Am aufwändigen Bahntransport führt dabei kein Weg vorbei. „Eine Pipeline wird zu uns nicht kommen, dazu haben wir insgesamt zu wenig Emissionen in Brandenburg“, erklärt Vorstandsfrau Alexandra Decker. Was für Brandenburg gut ist, stellt für die Rüdersdorfer Zementwerker eine echte Herausforderung dar. 

„Der Bahntransport ist aber nicht abwegig“, betont Decker. Mit Transportunternehmen  sei man bereits im Gespräch. Auch für die Speicherung des CO2 lägen Angebote vor. Vom Güterbahnhofanschluss des Werks würden dann täglich zwei Züge mit 36 speziellen Kesselwagen in Richtung DB-Trasse Fredersdorf – Biesdorfer Kreuz rollen. Die Speicherung des CO2 unter dem Meeresboden wäre in den Niederlanden, Großbritannien oder Skandinavien erlaubt. Dort werden entweder poröse Gesteinsformationen wie Sandstein  zur Einlagerung des CO₂ oder aber alte Erdöl- und Erdgaslagerstätten genutzt.

In der Gegenwart stoßen die Pläne der Brandenburger aber noch auf hohe Hürden. Platz für den Bau der Anlage wäre am Rand des knapp bemessenen Firmengeländes zwar vorhanden. Doch beim Thema CCS warten viele der beteiligten Player auf die Investitionsentscheidungen der jeweiligen Partner. Die Zementindustrie auf den Bau der Infrastruktur, die Speicherbetreiber auf die Zusage verlässlicher Liefermengen. „Dass sich dies rein privatwirtschaftlich lösen lässt, wie es der Politik vorschwebt, sehen wir nicht. Wir brauchen eine politische Koordinierung“, erklärt deshalb Alexandra Decker und verweist auf eine ähnliche Problemlage beim Markthochlauf der Wasserstoffwirtschaft. Den Wunsch an die Bundesregierung formulierte das Unternehmen auch jüngst beim Besuch der brandenburgischen Wirtschaftsministerin Martina Klement in Rüdersdorf. 

Wirtschaftsministerin Martina Klement und Werksleiter Stefan Schmorleiz

Es ist auch längst nicht der einzige Wunsch. Läuft CO2LLECT erst einmal an, benötigt das Rüdersdorfer Zementwerk drei mal so viel Energie wie gegenwärtig. Doch beim Thema Netzausbau müssen sich die Rüdersdorfer einreihen beispielsweise neben Rechenzentren und Batteriespeicherbetreibern, die ebenfalls nach Brandenburg streben. Eine Priorisierung eines der wichtigsten Projekts zur CO2-Reduzierung der brandenburgischen Industrie steht bei den CEMEX-Verantwortlichen ganz oben auf der Wunschliste. 

DIe Inbetriebnahme hat CEMEX für 2030 ins Auge gefasst. Das Projekt wirkt längst über Rüdersdorf hinaus. „Wenn wir es schaffen, ist das aufgrund unserer Größe und unseres Standorts ein wichtiges Zeichen, dass ein wirtschaftlicher Markthochlauf für CCS machbar ist“, beschreibt Decker die Dimension des Projekts für die gesamte Industrie. Zwar ist die Konkurrenz mit ähnlichen Projekten am Start: Aber das Holcim-Zementwerk in Lägerdorf in Schleswig-Holstein hat für sein Projekt „Carbon2Business“ eine direkte logistische Anbindung an die deutsche Nordseeküste. Für das GeZero-Projekt von Heidelberg Materials in Geseke in Nordrhein-Westfalen soll der Transport per Bahn nur eine Übergangslösung darstellen. Im industriell dicht besiedelten Nordrhein-Westfalen ist der Bau einer wirtschaftlich rentablen Pipeline sehr viel wahrscheinlicher als am östlichen Rand Berlins. Ziel ist es aber, dass alle drei Zementhersteller möglichst zeitgleich ihre Projekte abschließen, um den Speicherbetreibern verlässliche Liefermengen garantieren zu können. 

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