Dr. Birgit Felden: Nachfolge ist mehr als eine Frage der Zahlen
Berlin. Prof. Dr. Birgit Felden, Professorin für Mittelstand und Unternehmensnachfolge an der HWR Berlin, im Interview über aktuelle Trends bei Unternehmensnachfolgen und wie die Wissenschaft in Nachfolgefragen helfen kann.
Redaktionsnetzwerk Ost: Frau Prof. Dr Felden, Sie sind Professorin für Mittelstand und Unternehmensnachfolge an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und beraten seit über 30 Jahren Familienunternehmen bei strategischen Fragestellungen wie der Nachfolgeregelung. Was fasziniert Sie am Thema Unternehmensnachfolge?
Dr. Birgit Felden: Das Thema Nachfolge ist unheimlich vielseitig und komplex. Es geht um rechtliche, steuerliche und betriebswirtschaftliche Fragen, aber auch um die emotionale Seite der Nachfolge. Bei der Nachfolge treffen unterschiedliche Menschen aufeinander, deren unterschiedlichen Zielsetzungen übereinander gebracht werden müssen. Das reizt mich an diesem Thema.
Redaktionsnetzwerk Ost: Was kann denn die Wissenschaft zur Lösung der Nachfolgeproblematik beitragen?
Dr. Birgit Felden: Ich habe 1995 selbst ein Unternehmen gegründet und bin nun seit knapp 20 Jahren in der Wissenschaft tätig, kenne also beide Seiten. Die Wissenschaft kann das leisten, was eine Einzelerfahrung nicht erbringen kann. Mit Hilfe der Wissenschaft lassen sich Muster erkennen, Hypothesen überprüfen und Erkenntnisse verallgemeinern. Wie individuell der Einzelfall auch sein mag, der Nachfolgeprozess als solches durchläuft typische Phasen und birgt typische Fallstricke, die sich wissenschaftlich untersuchen lassen.
Redaktionsnetzwerk Ost: Wie helfen Ihre Forschungsergebnisse den Unternehmen konkret?
Dr. Birgit Felden: Die Unternehmen sind besser auf den Nachfolgeprozess vorbereitet, wenn sie einem Nachfolgeplan folgen. Einen solchen haben wir entwickelt (https://nachfolgefahrplan.org/). Dieser enthält Handlungsanweisungen besonders für den kleinen Mittelständler mit zehn bis fünfzehn Mitarbeitenden, der selber keine Zeit hat, umfangreiche Bücher über Nachfolge zu lesen, sondern ein praktisches Tool benötigt, mit dem er arbeiten kann. Mittelständler finden auf unserer Seite https://nachfolge-in-deutschland.de/ darüber hinaus zahlreiche weitere Tools zur Planung des Nachfolgeprozesses. Unser EMF-Institut der HWR Berlin ist eng verzahnt mit der unternehmerischen Praxis und betreibt viele gemeinsame Formate mit Unternehmern.
Redaktionsnetzwerk Ost: Gerade der Mittelstand steht wirtschaftlich gegenwärtig stark unter Druck. Sind die Zeiten für Unternehmensnachfolgen aktuell besonders schwierig?
Dr. Birgit Felden: Auf den ersten Blick erscheint das so. Unternehmer kämpfen mit schwächelnden Margen und haben es auch schwerer, einen Käufer zu finden, der bereit ist, einen fairen Preis zu bezahlen. Auf der anderen Seite finden potenzielle Übernehmer in der aktuellen Hochzinsphase schwerer Zugang zu Kapital. Doch Druck erzeugt auch Klarheit. In guten Zeiten wird das Thema Nachfolge zu oft hinausgeschoben. Der gegenwärtige wirtschaftliche Druck kann hingegen dazu führen, dass Unternehmen das Thema konsequenter angehen. Und wer gut vorbereitet eine Nachfolge anstrebt, kann auch in schwierigen Zeiten zu guten Ergebnissen kommen. Deshalb ist es so wichtig, früh zu planen, damit das Lebenswerk erhalten bleibt. Der Ausstieg aus dem Unternehmerleben muss strategisch immer mit gedacht werden, dazu gehört im Übrigen auch eine persönliche Lebensplanung für die Zeit nach dem aktiven Unternehmerdasein.
Redaktionsnetzwerk Ost: Mit Blick auf den Wirtschaftsstandort Berlin: Wie relevant ist das Thema Nachfolge speziell für den Berliner Mittelstand?
Dr. Birgit Felden: Wir sprechen in Berlin von rund 4.800 Unternehmen, bei denen die Unternehmensnachfolge in den nächsten Jahren ansteht. Die Berliner Unternehmenslandschaft ist bekanntlich sehr kleinteilig und wird stark von inhabergeführten Unternehmen geprägt. Für diese Masse an Kleinstbetrieben ist es schwer, eine Nachfolgelösung zu finden. Für die Berliner Wirtschaft ist das aber ein Problem: Wenn der Inhaber geht und keinen Nachfolger findet, geht nicht nur der Standort verloren, sondern auch jahrzehntelange Kundenbindungen. Solche kleinen Unternehmen werden auch nicht einfach von Wettbewerbern übernommen. Betroffen sind in Berlin u.a. der Dienstleistungssektor, das Handwerk und der Einzelhandel, also Branchen, bei denen das Geschäftsmodell oft von einer einzelnen Person abhängt und nicht einfach skalierbar ist.
Redaktionsnetzwerk Ost: In Berlin wie auch in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg wurden Nachfolgezentralen eingerichtet, organisiert von IHKs, Handwerkskammern und Bürgschaftsbanken. Sie bringen Unternehmen und potenzielle Nachfolger zusammen. Eine überraschende Erkenntnis ihrer Arbeit: Es haben sich mehr Nachfolgeinteressierte registriert als abgebende Unternehmen. Warum ist es dennoch ein Problem, ausreichend Übernehmer zu finden?
Dr. Birgit Felden: Das allgemeine Interesse, ein Unternehmen übernehmen zu wollen, ist am Ende etwas anderes, als tatsächlich ins Risiko zu gehen und beispielsweise private Sicherheiten zur Verfügung zu stellen. Ob man das wirklich möchte, zeigt sich oft erst im Nachfolgeprozess. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass es bei den Nachfolgezentralen einen Nachfrageüberhang gibt. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten klingt eine Übernahme eines etablierten Unternehmens ja zunächst erst mal auch sehr reizvoll.
Redaktionsnetzwerk Ost: Wie wichtig sind Einrichtungen wie die Nachfolgezentrale Berlin?
Dr. Birgit Felden: Ich halte sie für sehr sinnvoll. Sie schaffen etwas, was der Markt alleine für die Zielgruppe der kleinen Mittelständler nicht leisten kann. Sie bringen Angebot und Nachfrage strukturiert zusammen und begleiten im Gegensatz zu den reinen Nachfolgebörsen auch den Nachfolgeprozess. Sie versuchen zudem, auf beiden Seiten Vertrauen zu schaffen. Aber eine Nachfolgezentrale ist auch kein Selbstläufer. Sie braucht einen Etat, sie braucht personelle Ressourcen und qualifizierte Berater, die inhaltlich die Prozesse begleiten können. Wichtig ist auch eine gute regionale Vernetzung. In all diesen Fragen scheint mir die Berliner Nachfolgezentrale sehr gut aufgestellt. Sie schafft Schnittstellen und Kontakte zu ihren vielen Partnern, die die Unternehmen und potenziellen Nachfolger in der Regel selbst nicht haben.
Redaktionsnetzwerk Ost: Ist eine regionale Nachfolgezentrale ein erfolgsversprechenderes Modell als beispielsweise eine bundesweite Nachfolgebörse wie nexxt-change?
Dr. Birgit Felden: Ein wesentlicher Vorteil der Nachfolgezentralen sind die Regionalpartner vor Ort – Banken, Kammern, Berater und Verbände. Eine Nachfolgebörse wie nexxt-change ist hingegen in erster Linie eine Datenbank, die von der Qualität der Daten lebt, die die Beteiligten dort einstellen. Wenn bei einer bundesweiten Börse wie nexxt-change auch eine inhaltliche Begleitung des Prozesses erfolgen würde, wäre sie gegenüber einer eher regionalen Nachfolgezentrale durch das größere Einzugsgebiet deutlich im Vorteil.
Redaktionsnetzwerk Ost: Die Berliner Politik fördert die Nachfolgezentrale finanziell. Könnte die Politik noch mehr zur Lösung der Nachfolgefrage leisten?
Dr. Birgit Felden: Nach meinem Empfinden sieht die Politik Unternehmensnachfolgen immer noch zu sehr als privatwirtschaftliches Problem des Unternehmers an. Die Nachfolgefrage hat aber eine volkswirtschaftliche Dimension. Jedes Unternehmen, das mangels Nachfolger schließen muss, kostet Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und regionales Know-how. Dadurch entsteht ein gesellschaftlicher Schaden.
Redaktionsnetzwerk Ost: Müssten mehr Fördermittel für die Finanzierung von Nachfolgen zur Verfügung stehen?
Dr. Birgit Felden: Fördermittel stehen eigentlich ausreichend zur Verfügung. Es fehlt eher an Transparenz. Die Förderlandschaft sollte einfacher gestaltet werden. Das wäre einer meiner Wünsche.
Redaktionsnetzwerk Ost: Beobachten Sie aktuell besondere Trends beim Thema Unternehmensnachfolge?
Dr. Birgit Felden: Wir bemerken zunächst einmal einen Rückgang in der familieninternen Nachfolge. Dafür gibt es eine leicht steigende Tendenz zu Mitarbeiterübernahmen und einen Trend zur Übernahme durch andere Unternehmen, etwa Wettbewerber, Kunden oder Lieferanten der nachfolgesuchenden Unternehmen. In diesen Fällen erlangen die Übernehmer nicht nur die Marktanteile und die Kundenbeziehungen des Unternehmens. Sie sichern sich vor allem auch begehrte Fachkräfte. In einem gewissen Umfang hat auch der Private Equity-Bereich Interesse an der Übernahme kleinerer Betriebe entwickelt, was etwa vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Für den abgebenden Unternehmer sind diese Nachfolgelösungen durchaus reizvoll, weil unter Umständen ein Aufschlag auf den Verkaufspreis zu erzielen ist, während es bei Verkäufen innerhalb der Familie oder an einen langjährigen Mitarbeiter eher zu Abschlägen kommt.
Redaktionsnetzwerk Ost: Sie sprechen sich dafür aus, dass die Übernahmegründung noch stärker als lohnende Alternative zur Neugründung in den Fokus gerückt wird. Warum?
Dr. Birgit Felden: Es wurde in den letzten Jahren versucht, ganz unterschiedliche Zielgruppen für die Nachfolge zu gewinnen, mit der gezielten Ansprache beispielsweisen von Frauen oder Migranten. Die Gruppe der potenziellen Neugründer wurde dabei oft übersehen. Das sind Menschen, die sich selbständig machen wollen, die versuchen, ein erfolgreichen Unternehmen aufzubauen und Arbeitsplätze zu schaffen. Für die ist es durchaus sinnvoll, in Märkten, die ohnehin schon aufgeteilt sind, eine Firma zu übernehmen, die bereits einen Teil des Marktes für sich schon erschlossen hat und über Mitarbeiter, Kunden und funktionierende Prozesse verfügt. Denn viele Neugründungen scheitern oft gerade daran, diese Strukturen selbst erfolgreich zu etablieren.
Redaktionsnetzwerk Ost: Für welchen Gründertyp kommt denn eine Unternehmensnachfolge überhaupt in Frage?
Dr. Birgit Felden: Die größte Herausforderung bei der Übernahmegründung besteht darin, dass man in gewachsene Strukturen einsteigt. Da hegen Mitarbeiter bestimmte Erwartungen, pflegen Kunden bestimmte Gewohnheiten. Wer da nach seinem Einstieg zu schnell zu viel verändern will, zerstört unter Umständen das, was den originären Wert des Unternehmens ausmacht. Deshalb sage ich potenziellen Nachfolgern immer: Bewährtes bewahren und nur behutsam verändern. Dazu muss der Betreffende sich klarmachen, ob er für solche Prozesse der geeignete Unternehmertyp ist. Die zweite Frage richtet sich danach, wie innovativ die eigene Geschäftsidee ist. Passt dazu besser eine Neugründung, solo oder im Team, ein Franchise oder eben eine Übernahme?
Redaktionsnetzwerk Ost: Sind aus Ihrer Sicht denn prinzipiell alle Unternehmen auch geeignet für eine Nachfolge?
Dr. Birgit Felden: Nachfolge ist mehr als eine Frage der Zahlen. Ich spreche gern von der Übergabereife eines Unternehmens. Ein Unternehmen ist immer dann übergabereif, wenn es ohne seinen Inhaber funktioniert. Das klingt einfach, ist aber oftmals nicht der Fall. Natürlich sind ertragreiche Unternehmen interessant für potenzielle Übernehmer. Ein weniger ertragreiches Unternehmen kann sich aber trotzdem als lohnenswerter für einen Nachfolger erweisen, wenn es über geordnete Strukturen und funktionierende Prozesse verfügt.
Zur Person:
Prof. Dr. Birgit Felden ist promovierte Juristin und Dipl.-Kauffrau sowie zertifizierte Mediatorin. Seit über 30 Jahren beschäftigt sie sich mit Familienunternehmen: zunächst im eigenen Unternehmen und in der Beratung und seit 1998 in Beirats- und Aufsichtsratsmandaten. Seit 2006 leitet Birgit Felden den Studiengang Unternehmensgründung und -Nachfolge und seit 2008 das EMF-Forschungs-Institut der HWR Berlin. Mehr finden Sie unter www.birgitfelden.de.
Das interview führte Matthias Salm
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