Der Kandidat: Sven Schulze läuft sich auf der Grünen Woche warm
Berlin. Auf dem Sachsen-Anhalt-Tag der Grünen Woche ist Sven Schulze schon der gefühlte Ministerpräsident. Ob er ihn im nächsten Jahr auch offiziell als Ministerpräsident eröffnen darf, entscheiden im Herbst die Wähler.
Von Matthias Salm
„Reserviert für Ministerpräsident“ klebt ein Zettel auf dem Tisch vor der Bühne der Sachsen-Anhalt-Halle. Noch sitzen hier an diesem Tag Reiner Haseloff und seine Ehefrau Gabriele. Der designierte Ministerpräsident Sven Schulze nimmt derweil noch auf der Bank gegenüber Platz. Beide werden gleich gemeinsam den Sachsen-Anhalt-Tag auf der Grünen Woche eröffnen. Doch Haseloff ist an diesem Tag praktisch schon Ruheständler. Noch einmal ein Rundgang durch die Halle, die Sachsen-Anhalt im Gegensatz zu anderen Bundesländern alleine füllt, ein abschließender Besuch am Rotkäppchen-Stand und noch ein Besuch in der bayerischen Halle, die man, wie Haseloff in Bezug auf die Bundesländerdebatte scherzt, bald übernehmen werde – dann wird Ministerpräsident Haseloff die Heimreise antreten. Die Sachsen-Anhalt-Party am Abend findet schon ohne ihn statt.
Die Bühne soll Sven Schulze gehören. Der ist ohnehin von Amts wegen zuständig für Landwirtschaft, Ernährungswirtschaft und Tourismus des Landes. Gefühlt ist er hier schon Ministerpräsident. Nicht nur weil der Moderator auf der Bühne sich versehentlich einmal beim „Ministerpräsidenten Schulze“ bedankt, sondern auch weil er als Selfieobjekt schon gefragter ist als der scheidende Haseloff.

Die Krönung zum Ministerpräsidenten steht Sven Schulze noch bevor. Copyright Matthias Salm
Die Messe ist ein Heimspiel für Schulze im wichtigsten Jahr seiner politischen Karriere. Die Halle ist voll, die Stimmung blendend. „Vor Jahren hatten wir manchmal Probleme, genug Aussteller zu finden“, erinnert sich Schulze „heute haben wir mehr Interessenten als Plätze.“ 106 sind es – ein neuer Rekord. Es gibt einiges zu feiern: Wikana begeht sein 120-jähriges Firmenjubiläum, die Weißenfelser Handelsgesellschaft, die Hersteller des Knusperbrots Filinchen, wird 70 Jahre, und Rotkäppchen feiert 170 Jahre Sekttradition. Und vieles mehr: Die Hochschule Anhalt präsentiert Ergebnisse ihrer Algenforschung. Friwi aus Stolberg im Harz hat seine Gebäck-Spezialitäten mit nach Berlin gebracht, aus der Klostermanufaktur Helfta gibt es Seifen. Honigproduzent Saalebiene aus Landsberg, das Weingut Herold aus Höhnstedt, Braunes Eierliköre aus Sülzetal, die Colbitzer Heidebrauerei ist ebenso am Start wie die Brauereikollegen vom Sudenburger Brauhaus. Die Klassiker des Landes: Kathi Backmischungen, Salzwedeler Baumkuchen, das Landesweingut Kloster Pforta, Hasseröder Bier.

„Das ist gut eingesetztes Geld“, freut sich Noch-Ministerpräsident Haseloff über den Werbeauftritt des Landes in Berlin. Er hat jeden Winkel des Landes gesehen, sagt er über seine fast zwanzig Jahre Amtszeit zunächst als Wirtschaftsminister und dann als Ministerpräsident. Da gäbe es noch viel für „den Sven“ zu entdecken, wenn der erstmal Ministerpräsident sei, gibt er seinem Nachfolger mit auf dem Weg. Da fühlt sich der Moderator auf der Bühne gleich bemüßigt, auf die alljährliche Rad-Sommertour von Sven Schulze kreuz und quer durchs Land hinzuweisen. Nicht dass noch der Eindruck entstünde, der Kandidat für das Ministerpräsidentenamt sei nicht bereits jetzt unermüdlich unterwegs. Schließlich heftet die überregionale Presse Schulze gerne das Etikett „unbekannt“ an, weil er bundespolitisch noch nicht stark in Erscheinung getreten ist. Dies holt Schulze gerade im Schnelldurchgang nach, fordert etwa letzte Woche publikumswirksam eine Dienstpflicht für Sozialhilfeempfänger.
Doch von solchen Themen ist Schulze an diesem Tag weit entfernt. Die Grüne Woche ist ein Wohlfühltermin für den gebürtigen Quedlinburger. Vor der Bühne drängeln sich die 28 Produktbotschafterinnen (und ein Produktbotschafter) der Regionen von der Genthiner Kartoffelkönigin über die Zerbster Zwiebelkönigin bis zur Gorsdorfer Bienenkönigin. Es werden Lobeshymnen auf das Land gesungen, mitgeklatscht, untergehakt und geschunkelt. Harmonischer wird es im Wahlkampf für Sven Schulze nicht mehr werden.
„Wir sind eine große Familie und müssen alle zusammenstehen“, sagt Reiner Haseloff zu seinem Abschied. „Wir sind auf Augenhöhe mit den anderen Bundesländern und das muss auch so bleiben. Die Menschen sollen auch im nächsten Jahr gern in unsere Halle kommen“, appelliert Haseloff an die Wähler in der Halle. Spätestens da dürfte sich Sven Schulze wieder seiner Herkulesaufgabe bewußt sein, in die Fußstapfen Haseloffs zu treten und das Ministerpräsidentenamt in CDU-Hand zu bewahren. Die Grüne Woche 2026 war die letzte, die er als Wirtschaftsminister für Sachsen-Anhalt begehen durfte. Ob er sie 2027 als Ministerpräsident eröffnen wird, muss die Wahl im Herbst zeigen.
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