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Wie geht es weiter in Sachsen-Anhalt?

Magdeburg. Seit der Verkündigung des Wahlergebnisses scheint in Sachsen-Anhalt die Zeit still zu stehen. Auch die Wirtschaft wartet wie gebannt auf eine Entscheidung der politisch Verantwortlichen. 

Von Matthias Salm

Die Chemieindustrie ist das industrielle Herzstück des Landes Sachsen-Anhalt. Lange rühmte man sich des Erfolgsrezepts der ostdeutschen Chemieparks, die sogar als Vorbild für den Westen dienen sollten. Nun gab es in den letzten Wochen gleich zwei Hiobsbotschaften zu verkraften. Das Chemiewerk der Leuna Polyamid GmbH steht vor dem endgültigen Aus. Betroffen wären davon rund 440 Beschäftigte. 

Dabei war die Gründung der Leuna Polyamid GmbH schon der eigentliche Rettungsanker für das kriselnde Chemiewerk. Die InfraLeuna GmbH und die Leuna-Harze GmbH hatten den Betrieb vom insolventen belgischen Chemiekonzern Domo Chemicals übernommen. Allerdings mit dem klaren Ziel, einen Investor zu finden, der die Produktion am Standort fortführt. Dies ist bis heute nicht gelungen. Stattdessen rissen weiter gestiegene Rohstoffkosten und der Konkurrenzdruck aus China tiefe Löcher in die Kassen. 

Das Aus trifft den Chemiepark in mehrfacher Hinsicht. Denn die Leuna Polyamid ist ein wichtiger Bestandteil des für den Chemiepark typischen Stoff- und Energieverbundes. Die übrigen Firmen in Leuna verlieren damit einen wichtigen Lieferanten und Abnehmer zugleich. Auf Abnehmerseite gilt das auch für die Betreibergesellschaft des Parks, die InfraLeuna GmbH. Bei der DOMO-Insolvenz war die Landesregierung noch mit Millionen-Hilfen in die Bresche gesprungen, um das Werk betriebsfähig zu halten. Für eine erneute Hilfe zur Stabilisierung des Chemieparks bedarf es einer funktionsfähigen Regierung – die ist nicht in Sicht. Nicht weit davon entfernt schließt EVONIK sein Chemiewerk in Bitterfeld. Die dortige Produktion wird an andere Standorte des Konzerns verlagert. Wieder wird der Konkurrenzdruck aus Asien als Grund für eine notwendige Bündelung der Produktionsstrukturen angeführt. 

Aber nicht nur die Chemieindustrie leidet. Die mittelständischen Automobilzulieferer im Westen Sachsen-Anhalts sind in den Strudel der Krise bei Volkswagen geraten. Die mittelständischen Metall- und Maschinenbauer an Elbe und Saale leiden unter den hohen Energiekosten. 

Die Wirtschaft Sachsen-Anhalts hat bisher zurückhaltend auf das komplizierte Wahlergebnis reagiert. Aus Sicht der IHK Halle-Dessau dürfe die Komplexität der neuen politischen Verhältnisse nicht zu einer längeren Phase faktischer politischer Handlungsunfähigkeit führen. IHK-Präsident Sascha Gläßer fordert außerdem: „Sachsen-Anhalt darf sich nicht isolieren. Daran werden wir die künftige Landesregierung messen.“ Notwendig sei eine konstruktive Zusammenarbeit Sachsen-Anhalts mit dem Bund, den anderen Bundesländern und seinen europäischen Partnern. Gläßer weiter: „Sachsen-Anhalt muss ein weltoffenes Land bleiben. Wir brauchen internationale Fachkräfte, Investitionen und verlässliche Handelsbeziehungen.“

Stattdessen liegt die weitere wirtschaftlichen Ausrichtung des Landes im Unklaren. Schon jetzt liegt die Arbeitslosenquote in Sachsen-Anhalt über dem Bundesdurchschnitt. Das geplante Intel-Werk in Magdeburg, das einst 3.000 neue Arbeitsplätze und jede Menge Folgeinvestitionen versprach, ist seit 2025 Geschichte. Eine Investitionspleite, die unrühmlich an die gescheiterten Großinvestitionen im Ostdeutschland der 90er Jahre erinnert. Auf der teilweise bereits erschlossenen Fläche vor den Toren Magdeburgs soll stattdessen ein High-Tech-Park entstehen. Der braucht aber politische (und finanzielle) Rückendeckung für mögliche Investoren. Auch hier ist unklar, wie es nun weitergehen soll. 

Die demographischen Probleme Sachsen-Anhalts machen einen wirtschaftlichen Turn-Around nicht einfacher. Sachsen-Anhalt ist das älteste Bundesland Deutschlands, das Durchschnittsalter der Bevölkerung liegt bei 48,3 Jahren. Laut ifo-Institut Dresden wird das Potenzial der Erwerbstätigen bis 2035 um gut acht bis neun Prozent sinken. Ob dieser Verlust durch Zuwanderung abgemildert werden kann, hängt ebenfalls stark von den arbeitsmarktpolitischen Konzepten einer künftigen Landesregierung ab. 

Ein weiteres ambitioniertes Projekt, das vor einer ungewissen Zukunft steht, ist der Energiepark Bad Lauchstädt. In der Goethestadt wird Windstrom in grünen Wasserstoff umgewandelt, der über eine Pipeline zur TotalEnergies-Raffinerie in Leuna transportiert werden soll. Als großtechnisch angelegtes Reallabor wird hier erstmals die gesamte Wertschöpfungskette von grünem Wasserstoff im industriellen Maßstab erprobt. Der Energiepark befindet sich inzwischen in der Inbetriebnahmephase. Allerdings steht die AfD dem Projekt seit jeher ablehnend gegenüber. Wie es bei einer möglichen AfD geführten Landesregierung weiter geht – ungewiss. 

Allerdings: Nicht überall kriselt die Wirtschaft. Es gibt auch Unternehmen, die noch in der Erfolgsspur sind. Die TESVOLT AG in der Lutherstadt Wittenberg beispielsweise hat jüngst mit einer Investition von 23 Millionen Euro ein neues Logistik- und Technologiezentrum eingeweiht. Eine der größten Investitionen des Unternehmens überhaupt. Es verzehnfacht die logistischen Kapazitäten von TESVOLT und erweitert zugleich die Kapazitäten für die Systemintegration von Batteriespeichern. Damit schafft TESVOLT die Voraussetzungen, um die wachsende Nachfrage im europäischen Markt bedienen zu können. Am Standort entstehen damit schrittweise Kapazitäten für bis zu 110 hochqualifizierte Arbeitsplätze. „Dieses neue High-Tech-Zentrum ist auch unser langfristiges Bekenntnis zum Wirtschaftsstandort Sachsen-Anhalt“, erklärt Simon Schandert, CEO und Mitgründer der TESVOLT AG. „Mit dieser Investition schaffen wir moderne Arbeitsplätze und ein innovatives Umfeld, das Fachkräfte nach Wittenberg zieht.“

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