Serie Raumfahrtstadt Berlin (2): Die BBAA
Berlin. Das Redaktionsnetzwerk Ost beleuchtet die Raumfahrtbranche in Berlin. In der zweiten Folge unserer Serie sprechen wir mit Nico Knobel, Projektleiter Space Berlin International bei der Berlin-Brandenburg Aerospace Allianz (BBAA).
Von Matthias Salm
Die Berlin-Brandenburg Aerospace Allianz ist der Wirtschaftsverband der Luft- und Raumfahrtindustrie in der Hauptstadtregion. Rund 100 Mitglieder aus Wirtschaft und Wissenschaft sind hier vertreten. Gegründet wurde der Verband 1998. Er soll die Luft- und Raumfahrtindustrie in der Hauptstadtregion stärken, indem Wirtschaft, Wissenschaft und Politik vernetzt werden mit dem Ziel die Luft- und Raumfahrt in Berlin und Brandenburg weiterzuentwickeln und deren internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.
Dabei soll künftig auch das neue Projekt Space Berlin International helfen. Mit diesem Projekt setzt sich die BBAA für die weitere Internationalisierung des Luft- und Raumfahrtstandorts Berlin-Brandenburg ein. Mit der Stärkung internationaler Kooperationen sollen neue Märkte für das regionale Space-Ökosystem erschlossen werden.
Zu den Aktivitäten von Space Berlin International gehörte die Teilnahme an der Reise der Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, Franziska Giffey, nach Bangalore, wo das dritte Auslandsbüro des Landes Berlin eröffnet wurde. Bangalore gilt als eines der wichtigsten Zentren der indischen Raumfahrtindustrie und beheimatet neben der Indian Space Research Organisation (ISRO) zahlreiche Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Start-ups.
Auf dem Programm stehen zudem noch die Teilnahme an der Space Tech Expo USA in Anaheim, an der ILA Berlin als bedeutendes Branchenevent in der Hauptstadtregion sowie eine weitere, größere Delegationsreise nach Bangalore im September. Im Oktober folgt eine Reise von Space Berlin International nach Polen, im November ein Messebesuch in Bremen. Das Projekt wird von Berlin Goes International, einem Programm der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe des Landes Berlin, unterstützt und von der Europäischen Union kofinanziert.
Das Redaktionsnetzwerk Ost hat mit Nico Knobel, Projektleiter Space Berlin International bei der Berlin-Brandenburg Aerospace Allianz e.V., über die aktuelle Entwicklung der Raumfahrtbranche in der Hauptstadtregion gesprochen.
Redaktionsnetzwerk Ost: Herr Knobel, wie viele Unternehmen in der Raumfahrtindustrie vertritt die BBAA und was sind deren Schwerpunkte?
Nico Knobel: Die Berlin-Brandenburg Aerospace Allianz vertritt die Raumfahrtunternehmen der Hauptstadtregion, auch wenn nicht alle Unternehmen formell Mitglied sind. In enger Zusammenarbeit mit Berlin Partner umfasst das Raumfahrt-Ökosystem in Berlin-Brandenburg aktuell rund 70 Unternehmen. Ein signifikanter Teil dieser Unternehmen ist aus der Technischen Universität Berlin hervorgegangen. Inhaltlich liegen die Schwerpunkte insbesondere im Bereich Satellitenbau, Komponenten und Subsysteme sowie zunehmend auch in datenbasierten Anwendungen.
Redaktionsnetzwerk Ost: Wie hat sich die Branche in der Hauptstadtregion in den letzten Jahren entwickelt?
Nico Knobel: Die Raumfahrtbranche in der Hauptstadtregion hat in den vergangenen Jahren eine sehr positive Entwicklung genommen. Es wurden zahlreiche neue Unternehmen gegründet, bestehende Unternehmen sind gewachsen und gleichzeitig konnten gezielt internationale Akteure angesiedelt werden. Ein Beispiel hierfür ist Planet Labs, ein deutsch-US-amerikanisches Unternehmen, das künftig in Berlin im größeren Maßstab Kleinsatelliten fertigen wird.
Die Attraktivität Berlins ergibt sich aus einer Kombination aus leistungsfähiger Dateninfrastruktur, hochqualifizierten Fachkräften sowie einem international geprägten Umfeld. Darüber hinaus hat sich im Zuge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine auch die Bedeutung von Dual-Use-Anwendungen in der Raumfahrt deutlich erhöht.
Redaktionsnetzwerk Ost: Wo liegen die größten Potenziale für die Unternehmen der Region, welches sind die Wachstumsmärkte?
Nico Knobel: Die Raumfahrtakteure in Berlin-Brandenburg sind besonders stark im Bereich Satellitenbau sowie bei Komponenten und Subsystemen aufgestellt. Der Fokus liegt dabei vor allem auf Nano-, Mikro- und Kleinsatelliten. Parallel entwickelt sich zunehmend der sogenannte Downstream-Bereich, also die Verarbeitung und Nutzung von Satellitendaten.
Mit Neurospace verfügt die Region zudem über einen Entwickler von Mond-Rovern, der als bislang einziges europäisches Unternehmen an einer Mission im Rahmen des Artemis-Programms der NASA beteiligt ist. Das unterstreicht die technologische Leistungsfähigkeit der Hauptstadtregion auch im internationalen Kontext.
Mittelfristig wäre es wünschenswert, die vorhandenen Kompetenzen durch den Aufbau von Fähigkeiten im Bereich von Trägersystemen (Launchern) sowie entsprechender Testinfrastruktur in der Region zu ergänzen.
Die Raumfahrt ist insgesamt ein global stark vernetzter Markt, der sich derzeit aufgrund geopolitischer Veränderungen neu ausrichtet. Neben etablierten Märkten wie den USA, Russland und China gewinnen insbesondere Europa im NewSpace-Bereich sowie Länder wie Indien, Japan und Südkorea zunehmend an Bedeutung. Auch aufstrebende Raumfahrtnationen wie Südafrika, Australien oder Brasilien bieten mittelfristig interessante Wachstumsperspektiven.
Redaktionsnetzwerk Ost: Welche Rolle spielen Start-ups bei diesem Wachstum?
Nico Knobel: Start-ups sind ein zentraler Treiber des Wachstums in der Raumfahrtindustrie. Die Branche ist noch vergleichsweise jung, und viele Unternehmen befinden sich weiterhin in frühen Entwicklungsphasen. Gerade die Innovationskraft, Flexibilität und Geschwindigkeit von Start-ups verschaffen ihnen Vorteile gegenüber etablierten Strukturen.
Gleichzeitig wird es entscheidend sein, diese Unternehmen gezielt zu unterstützen – etwa durch besseren Zugang zu Fördermitteln, geeignete Flächen für Wachstum sowie durch die Erschließung internationaler Märkte. Ohne diese Unterstützung besteht die Gefahr, dass vielversprechende Unternehmen ihr Potenzial nicht vollständig entfalten können.
Redaktionsnetzwerk Ost: Wie kann es gelingen, dass auch Berlin/Brandenburg von den von der Bundesregierung angekündigten Investitionen in den Raumfahrtsektor profitiert?
Nico Knobel: Grundvoraussetzung ist ein klarer politischer Wille auf Landesebene, die Raumfahrt als strategischen Zukunftssektor zu fördern. Berlin hat mit Initiativen wie dem Projekt SPACE Berlin International erste wichtige Schritte unternommen.
In Brandenburg hingegen findet das Thema Raumfahrt bislang nur unzureichend Berücksichtigung, etwa im aktuellen Koalitionsvertrag. Dabei spielt die Raumfahrt auch eine wichtige Rolle für wirtschaftliche als auch infrastrukturelle Resilienz.
Darüber hinaus ist eine bessere Koordination und Kommunikation bestehender Förderprogramme notwendig. Insbesondere die Dauer von Förderentscheidungen sollte deutlich verkürzt werden. Entscheidungsprozesse von mehreren Monaten bis hin zu einem Jahr sind für die hochdynamische und kapitalintensive Raumfahrtbranche nicht tragfähig.
Redaktionsnetzwerk Ost: Was erwarten Sie als Wirtschaftsverband vom Land Berlin zur Förderung des Raumfahrtsektors?
Nico Knobel: Mit Initiativen wie „Berlin Goes International“ und dem Projekt SPACE Berlin International wurden wichtige Impulse gesetzt. Auch auf politischer Ebene ist das Thema inzwischen stärker verankert, unter anderem durch das Engagement von Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey.
Aus Sicht der BBAA besteht weiterhin Bedarf an einer langfristig angelegten, verlässlichen Lenkung des Raumfahrtsektors über einzelne befristete Projekte hinaus. Eine dauerhaft etablierte, zentral verankerte Netzwerk- und Koordinationsstelle – idealerweise in Berlin und Brandenburg – kann dazu beitragen, Planungssicherheit für Unternehmen zu erhöhen und strategische Entwicklungen gezielt zu begleiten.
Zudem gilt es, vorhandene Standortvorteile konsequenter zu nutzen. So stehen beispielsweise in Brandenburg geeignete Flächen für industrielle Skalierung und Serienproduktion zur Verfügung. Hier fehlt bislang jedoch die notwendige politische Priorisierung, um diese Potenziale vollständig zu erschließen.
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