Berlin will Comeback der Friedrichstraße
Berlin. Einst Boulevard – heute Sorgenkind. Der Berliner Senat will den Niedergang der einstigen Flaniermeile in der historischen Mitte Berlins stoppen und mit einem neuen Konzept die Trendwende einleiten.
Die Berliner Friedrichstraße ist seit Jahren auch politischer Zankapfel und wurde zu eines der wichtigsten Themen im zurückliegenden Berliner Wahlkampf. Der Abschnitt zwischen Leipziger und Französischer Straße war von August 2020 bis November 2022 für Autos gesperrt. Diese Entscheidung hielt vor Gericht nicht stand. Der Abschnitt musste wieder freigegeben werden. 2023 wurde erneut ein 500 Meter langer Abschnitt für Autos gesperrt. Nach dem Regierungswechsel hob der Senat die Sperrung erneut auf und ließ die dort installierten Sitzmöbel abbauen.
Im Mittelpunkt des neuen Konzepts für den Abschnitt zwischen den Straßen Unter den Linden und Schützenstrasse steht nicht ein radikaler Neubau, sondern die Transformation mit den vorhandenen Gestaltungsmitteln. Der klassische Bürgersteig mit Granitbordstein, Plattenbelägen und Kleinsteinmosaik bleibt erhalten und wird verbreitert. Dafür weichen die heutigen Stellflächen für den ruhenden Verkehr. An ihre Stelle treten breite Gehbereiche mit Platz für Cafébestuhlung, Fahrräder, Bäume und Sitzplätze zum Verweilen. Für Autos bleibt die Straße offen, allerdings mit reduzierter Geschwindigkeit von maximal 20 bis 30 km/h. Zum Parken sollen Autos in die unterirdischen Parkhäuser geleitet werden. Diese sind aktuell kaum ausgelastet. Dazu benötigt es auch ein Parkleitsystem.
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner nennt als Ziel: „Wir als Senat wollen die Friedrichstraße wieder zu einem urbanen Boulevard entwickeln. Eine solche Transformation gelingt nur gemeinsam –mit den Anwohnerinnen und Anwohnern, den Gewerbetreibenden und der Stadtgesellschaft.“ Die gegenwärtige Zustände, so Wegner, seien nicht hinnehmbar.
Das Konzept erläuterte das Vorstandsmitglied des Architekten- und Ingenieurvereins zu Berlin-Brandenburg, Tobias Nöfer: „Die Friedrichstraße steht wie kaum eine andere Straße für die komplexe Geschichte Berlins: barocke Stadtplanung, Glanzzeiten in der Gründerzeit, radikale Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, Randlage am DDR-Todesstreifen – und nach der Wende eine durchgreifende Erneuerung im Geist der ´kritischen Rekonstruktion.“ Heute sieht Nöfer die Nachteile der Entwicklung: „Doch drei Jahrzehnte nach dieser Umgestaltung wirkt der Straßenraum wie aus der Zeit gefallen: zu schematisch, zu autogerecht, zu unfreundlich und grau.“ Die Aufenthaltsqualität sei zwischen Asphaltwüsten, Schilderwald, Pollern und geparkten Autos verloren gegangen. Es sei höchste Zeit, die Friedrichstraße neu zu denken – ohne ideologische Verkrampfung, aber mit Respekt vor ihrer Bedeutung.
Der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg e.V., Nils Busch-Petersen begrüßt das Konzept, das aus seiner Sicht einfach umzusetzen sei: „Die Friedrichstraße kann mit den vorgeschlagenen Maßnahmen wiederbelebt werden. Hier bietet sich die Chance für neue Urbanität und ein qualitätsvolles Miteinander aller Akteure einer wichtigen Straße der historischen Mitte, ohne ideologisch motiviert einzelne Gruppen zu privilegieren.“ Auch Anja Schröder vom Aktionsbündnis ‚Rettet die Friedrichstraße!‘ freut sich über das neue Konzept. Sie hofft, dass damit die hohe Leerstandsquote in der Straße reduziert werden könne. Eine Machbarkeitsstudie ist nun der nächste Schritt für die Umsetzung des Konzepts.
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