Copyright Messe Berlin GmbH

Der Messeklassiker: Die Grüne Woche wird 100 Jahre alt

Published On: 12. Januar 2026Tags: , , , ,

Berlin. Aus einer Warenbörse in der Weimarer Republik hat sich in einhundert Jahren die weltgrößte Verbraucherschau für Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau entwickelt. Eine Rückschau auf 100 Jahre: 

Von Matthias Salm

Keine Berliner Messe blickt auf mehr Tradition und lockt mehr Besucher als die Grüne Woche. Es begann 1926: Die deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) traf sich zu jener Zeit in Berlin jährlich zu ihren Winter-Tagungen und dies schon seit dem späten 19. Jahrhundert. Das zog einigen Rummel nach sich. Über die gesamte Stadt verstreut fanden Belustigungen wie Reit- und Fahrturniere statt. Im Schlepptau der Landwirte bot sich für Industrie, Händler und Handwerker eine einmalige Gelegenheit, ihre landwirtschaftlichen Produkte und handwerklichen Fertigkeiten im Tagungsviertel feilzubieten. 

Dieser weitgehend unorganisierte Handel wuchs so stark an, dass der Landwirt und Mitarbeiter im Berliner Fremdenverkehrsamt Hans-Jürgen von Hake 1926 eine erste landwirtschaftliche Ausstellung am Kaiserdamm organisierte, um den wilden Handel in geordnete Bahnen zu lenken: Die Grüne Woche war geboren. 

In einer Funk- und einer Autohalle untergebracht, lockte die erste Ausgabe der Messe bereits mehr als 50.000 Besucher. „Ausstellung für den Bedarf der Landwirtschaft und verwandter Betriebe“ warben die Plakate im Februar 1926. Der von Journalisten geprägte Titel „Grüne Woche“ war durchaus doppeldeutig. Zum Grün der Natur gesellten sich die gern im grünen Loden gewandeten Landwirte. 

Heute kaum noch vorstellbar: In den zwanziger Jahren war Berlin auch eine Stadt der Landwirtschaft. 200.000 Berliner waren zu einem großen Teil auch Selbstversorger, die im eigenen Kleingarten Obst und Gemüse pflanzten. 45.000 Pferde, 25.000 Schweine, 21.000 Milchkühe und mehr als eine halbe Million Stück Geflügel bevölkerten die Reichshauptstadt. Und das nicht nur am Stadtrand. Erst Anfang der 1980er Jahre schloß der letzte innerstädtische Hinterhof-Kuhstall in Westberlin seine Pforten. Bis dahin hatte es in Schöneberg oder Kreuzberg noch frisch gemolkene Milch inmitten von Mietskasernen gegeben.

Mit der Mechanisierung der Landwirtschaft wurde die Grüne Woche in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts schnell zu einer Leistungsschau der Landmaschinen, neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und Züchtungserfolge. 

100 Jahre Grüne Woche bedeutet allerdings nicht auch einhundert Ausstellungen. Mal grassierte 1938 die Maul- und Klauenseuche, dann sorgte der Zweite Weltkrieg ab 1940 für eine Absage der Messe. Schon zuvor hatte das Nazi-Regime die Grüne Woche propagandistisch aufgeladen, so unter anderem das Ziel der autarken Selbstversorgung des Reichs ausgerufen und das Ende der Nahrungs- und Futtermittelimporte verkündet.

1926 wird das Thema Jagd in der 1925 fertiggestellten Funkhalle vorgestellt. Copyright Messe Berlin GmbH

Neustart nach dem Krieg

Es war der Zentralverband der Kleingärtner, Siedler und Grundbesitzer, der 1948 die Grüne Woche wieder ins Leben rief. 59 Aussteller präsentierten sich in einer Zeit, in der viele Berliner noch unter Mangel und Hunger litten. 1950 musste die Messe noch einmal wegen Bauarbeiten ausfallen, dann aber startete sie neu durch und wurde zunehmend internationaler. Als erstes Gastland präsentierte sich die Niederlande, die in diesem Jahr deshalb ihr eigenes 75-jähriges Jubiläum feiert. Insgesamt fanden seit 1926 über 104.800 Aussteller aus 130 Ländern und über 34 Millionen Fach- und Privatbesucher den Weg unter den Funkturm. 

Bis zum Mauerbau gehörten dazu auch viele Besucher aus dem östlichen Sektor der Stadt. Die Grüne Woche verstand sich als Schaufenster zum Osten, insbesondere für moderne Landtechnik. Demonstriert wurde deren technischer Fortschritt unter anderem mit dem populären Schleppergeschicklichkeitsfahren auf dem Messegelände.

1954 drängten sich erstmals mehr als eine halbe Million Besucher durch die inzwischen neun Hallen mit einer Gesamtfläche von 30.000 Quadratmetern.Längst stand nicht mehr die Grundversorgung mit Lebensmitteln im Mittelpunkt. 1960 etwa drängelten sich die Besucherscharen in der Zierpflanzenschau und ließen sich zur Blumenpflege im trauten Heim beraten. Doch jederzeit wurde auch gekocht, gebrutzelt und gekostet. „Aus deutschen Landen frisch auf den Tisch“, der Werbeslogan von Landwirtschaft und Einzelhandel für deutsche Produkte in den 60-er Jahren fand auf der Grünen Woche seine lebhafte Entsprechung. Die Messe wurde zum Volksfest. 

Für Politprominenz von Konrad Adenauer bis Willy Brandt gehörte deshalb ein Besuch auf der Grünen Woche zum Pflichtprogramm. In diesem Jahr gibt der neue Bundesagrarminister Alois Rainer (CSU) sein Debüt. Was sonst streng verpönt ist, wird beim Messerundgang zum Muss: Fotos von Politikern, die herzhaft zubeißen und mit vollem Mund genießen. Optisch nicht immer ein Genuß. 

1952: Bundespräsident Theodor Heuss (mitte l.) besichtigt die Blumenhalle.Copyright Messe Berlin GmbH

Der Mauerbau und die Folgen

Der Mauerbau indes wurde zur großen Herausforderung für die Grüne Woche. Mit einem Schlag war der westliche Teil der Stadt vom ländlichen Raum abgeschnitten. Von den 669 Ausstellern stammte nun fast die Hälfte aus dem Ausland. Insgesamt rund 50 Länder, die meisten aus Westeuropa, sowie die USA, Kanada, Israel, Marokko und Libanon hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits einen festen Platz gesichert und machten die erste Grüne Woche im endgültig geteilten Berlin zu einem vollen Erfolg. 

Diese hieß bald „Internationale Grüne Woche Berlin“ und stützte sich auf Ernährungswirtschaft, Landwirtschaft und Gartenbau. Später wurde das Program regelmäßig um Themen wie Fischerei, Wald und Landschaft erweitert. 

Seit geraumer Zeit ist die Messe auch willkommener Anlass für Demonstrationen aller Art. Die einen ziehen gegen die Agrarindustrie und gegen die Massentierhaltung zu Felde, die Bauern fahren ihre Schlepper gegen die Agrarpolitik der EU- und der jeweiligen Bundesregierung auf. Auch kleinere Skandälchen produzierte die Messe, etwa 2014, als der Zoll in Deutschland illegales Walfleisch bei einem norwegischen Aussteller beschlagnahmte. 

Die Rückkehr des Ostens

Nach der Vereinigung Deutschlands 1990 stand die Grüne Woche wieder allen Besuchern aus dem Umland sowie aus den benachbarten Staaten Mittel- und Osteuropas offen. Mit der Erweiterung des Berliner Messegeländes auf 160.000 Quadratmeter im Jahr 1999 konnte der landwirtschaftliche Bereich der Messe um die Segmente „Tierzucht“ und „Nachwachsende Rohstoffe“ erweitert werden. Es folgten zukunftsorientierte Themen wie „Grünes Geld“, „Multitalent Holz“ „nature.tec“ – Fachschau für Bioenergie und nachwachsende Rohstoffe“ und „Erneuerbare Energien“. Der beliebte ErlebnisBauernhof zeigt seit dem Jahr 2000, wie moderne Landwirtschaft funktioniert.

Die bisherige Länderhalle Deutschland wurde durch sieben aufeinander folgende Messehallen aufgewertet. Hier gibt es regionale Spezialitäten aus den Bundesländern. Der Auftritt der deutschen Regionen wurde mit den Jahren zunehmend dominanter. In diesem Jahr allerdings knausern manche Bundesländer am Messeauftritt. Es muss gespart werden. 

1999: Ostdeutschland ist zurück – Brandenburg in Halle 21. Copyright Messe Berlin GmbH

Im Jahr 2005 gab es erstmals ein offizielles Partnerland bei der Grünen Woche. Tschechien machte den Auftakt, danach folgte Russland 2006 mit einem imposanten Auftritt, der kein Klischee einschließlich der tanzenden Kosaken ausließ. 2009 begrüßte die Messe noch stolz Wladimir Putin als Besucher, in der Rückschau eher kein Glanzpunkt der hundertjährigen Historie. Mittlerweile ist Russland ganz von der Messe verschwunden. Auf Russland folgten Partnerländer wie die Schweiz, Niederlande, Ungarn oder Polen.  An die Tradition des Partnerlandes knüpft 2026 Mecklenburg-Vorpommern an. 

2021 und 2022 musste sich die Grüne Woche der Corona-Pandemie beugen. Fand sie 2021 noch rein digital statt, fiel sie im Jahr 2022 ganz aus. Seither hat sich der Umfang reduziert, manche Gastländer sind nur noch durch Importeure vertreten. Es gibt aber auch Premieren und Rückkehrer. Erstmals 2026 dabei ist Côte d’Ivoire, einer der größten Kakao-Exporteure der Welt. Kroatien, Malta und die Ukraine präsentieren sich erstmals wieder mit offiziellen Beteiligungen.

Heute unterstreicht der Claim „The global hub for agribusiness“ die globale Bedeutung der Grünen Woche. Überhaupt rücken mit dem angegliederten Global Forum for Food and Agriculture Fragen von Klimaschutz bis Landnutzung in den Fokus. Veranstaltet wird die Grüne Woche von der Messe Berlin GmbH vom 16. bis 25. Januar 2026. Sie feiert das Jubiläum mit einer historischen Sonderschau ebenso wie mit neuen Formaten wie der ZERO-Themeninsel, die von pflanzlicher Ernährung bis zu ressourcenschonenden Wirtschaftskreisläufen reicht.

Mail Icon

Newsletter

Immer die neuesten Nachrichten im Postfach.